L-Carnitin

Zusammenfassung

L-Carnitin ist eine körpereigene chemische Verbindung, welche eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel des Körpers spielt. Die Substanzgruppe der Carnitine, zu welcher L-Carnitin gehört, kommt in nahezu allen Lebewesen vor. Außerdem ist es als Nahrungsergänzungsmittel verfügbar.

L-Carnitin kann vom Körper selbst hergestellt oder mit der Nahrung aufgenommen werden. Der Bedarf an L-Carnitin wird im Normalfall durch die körpereigene Synthese (Erzeugung) gedeckt. In bestimmten Situationen (z. B. bei einem erhöhten Verbrauch oder Verlust wie durch einige Nierenerkrankungen) kann aber auch die zusätzliche Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit L-Carnitin sinnvoll sein.

Die Literatur gibt teilweise widersprüchliche Aussagen dazu, wie wirksam eine zusätzliche Verabreichung von L-Carnitin bei Krebserkrankungen ist. Vorwiegend diskutierte Effekte des Stoffes sind eine Verringerung der Nervenschädigungen, die durch eine Chemotherapie verursacht wurden (Chemotherapie-induzierte Neuropathie), eine Verringerung des krebsbedingten Gewichtsverlustes und eine Beeinflussung der erektilen Dysfunktion nach Prostataoperationen.

Die aktuelle wissenschaftliche Datenlage kann zurzeit nicht zweifelsfrei nachweisen, dass L-Carnitin diese Effekte erzielt. Gerade im Bereich der Chemotherapie-induzierten Nervenschädigungen gibt es Hinweise, dass eine zusätzliche Gabe von L-Carnitin die Symptomatik eher verschlechtert als verbessert. Auch eine Verringerung der krebsbedingten Fatigue kann momentan noch nicht sicher festgestellt werden.

Insgesamt kann L-Carnitin als gut verträglich eingestuft werden, da nur wenige negative Effekte wie Übelkeit oder Schlaflosigkeit bekannt sind und diese nur selten beobachtet wurden. Es gilt als vorwiegend sicheres Präparat, wenn es entsprechend den Vorgaben (z.B. hinsichtlich Dosierung) angewendet wird. Allerdings sollten Patienten mit einer Schilddrüsenerkrankung kein L-Carnitin einnehmen bzw. die Einnahme zumindest durch eineÄrztin oder einen Arzt kontrollieren lassen, da die Wirksamkeit von Schilddrüsenhormonen durch die zusätzliche Gabe von L-Carnitin beeinträchtigt werden kann.

Hintergrundinformation

Carnitine sind natürlich vorkommende chemische Verbindungen, die der menschliche Körper aus Aminosäuren selbst herstellen kann. Entdeckt wurde die Gruppe der Carnitine 1905, als es erstmalig gelang, sie aus Muskelgewebe zu gewinnen. Daher rührt auch der Name Carnitin, welcher sich vom Lateinischen caro, dem Wort für Fleisch, ableitet.

Im Laufe der Jahrzehnte konnten die Funktionen und die Entstehung von Carnitin entschlüsselt werden. Es stellte sich heraus, dass verschiedene, chemisch leicht unterschiedliche Varianten von Carnitin im Körper vorkommen.

Zur Nahrungsergänzung wird L-Carnitin eingesetzt, welches sich heute industriell herstellen lässt. In seiner natürlichen Form kommt L-Carnitin in nahezu allen Tierarten sowie in vielen Mikroorganismen und Pflanzen vor. Es lassen sich verschiedene Formen des L-Carnitin (LC) unterscheiden, welche im normalen Stoffwechsel vorkommen. So gibt es beispielsweise die chemisch leicht veränderten Arten Acetyl-L-Carnitin (ALC) oder Propionyl-L-Carnitin (PLC).

Im menschlichen Körper findet man die höchste Konzentration der Carnitine in der Muskulatur. Die Menge des zirkulierenden Carnitins (ALC und LC) im Blutplasma ist etwa um das Hundertfache geringer.

In der Zelle verhilft das Carnitin den Fettsäuren in die Mitochondrien (die sogenannten „Kraftwerke" der Zellen) zu gelangen, damit dort Energie gewonnen werden kann.

Neben seiner Rolle bei der Energiegewinnung werden dem Stoff außerdem wichtige Funktionen bei der Stressverarbeitung und dem Ablauf von Entzündungsreaktionen zugesprochen.

Weitere Bezeichnungen für L-Carnitin sind Levocarnitin, Carnitor, Carnitene, Karnitin und Vitamin BT.

Anwendung

L-Carnitin ist als Nahrungsergänzungsmittel frei verkäuflich und kann in verschiedenen Formen eingenommen werden. Einerseits kann es oral, also in Kapsel-, Tabletten- oder Pulverform, andererseits auch intravenös als Infusion verabreicht werden.

Ein Referenzwert bzw. eine empfohlene Tagesdosis für L-Carnitin ist nicht definiert, da die Substanz nicht zu den essentiellen Nährstoffen zählt. Das heißt, dass L-Carnitin nicht ausschließlich mit der Nahrung aufgenommen werden muss, sondern durch den Körper selbst hergestellt werden kann.

Weil L-Carnitin ein Nahrungsergänzungsmittel und kein Medikament ist, gibt es keine genauen Anweisungen, in welchen Mengen es angewendet werden sollte. Die Dosierungen in klinischen Studien, welche die Wirkung von L-Carnitin untersuchen, variieren zwischen 250 mg bis 6 g pro Tag.

Bekannt ist aber, dass Fleisch, Fisch und Milchprodukte besonders viel L-Carnitin enthalten. Mit einer durchschnittlichen westlichen Ernährung konsumiert man etwa 100-300 mg L-Carnitin am Tag. Ein Großteil des aufgenommenen L-Carnitins wird über die Nieren wieder aus dem Körper gefiltert.

Wirkung

L-Carnitin wirkt auf Zellebene. Es verhilft Fettsäuren zu ihrem Bestimmungsort in den Mitochondrien (den sogenannten „Kraftwerken" der Zellen) zu gelangen. Dort werden die Fettsäuren abgebaut und dabei Energie gewonnen. Auch andere chemische Prozesse des Körpers, wie z. B. Stress- und Entzündungsreaktionen, werden durch L-Carnitin beeinflusst. Hauptaufgabe des L-Carnitins ist aber die Beteiligung am Energiestoffwechsel.

Fettsäuren zählen zu den wichtigsten Energielieferanten unseres Körpers. Daher wird angenommen, dass ein besserer Ab- und Umbau dieser Fettsäuren zu einer verbesserten Leistungsfähigkeit (z. B. der Muskeln) führt. Ein höherer Carnitin-Spiegel könnte somit dazu beitragen, dass die Muskulatur langsamer ermüdet.

In vier aktuellen Studien wurde untersucht, wie sich eine zusätzliche Verabreichung von L-Carnitin bzw. Acetyl-L-Carnitin auf mittelschwere und schwere Fatigue bei Krebspatienten auswirkt. Dabei konnte keine Verringerung der Symptomatik festgestellt werden.

In Tierstudien wurden weitere Effekte des Acetyl-L-Carnitin (ALC), Propionyl-L-Carnitin (PLC) und L-Carnitin untersucht. Es gibt Hinweise, dass nervenschädigende Effekte einer Chemotherapie oder auch durch Strahlentherapie bedingte Entzündungen verringert werden können. Dies könnte eine Verbesserung der sensorischen Wahrnehmung und eine Verringerung von Taubheitsgefühlen zur Folge haben.  Allerdings sind diese Ergebnisse nicht sehr belastbar und teilweise widersprüchlich. So steht ALC laut einer aktuellen Untersuchung im Verdacht, eine durch Chemotherapie verursachte Nervenschädigung eher zu verstärken als diese zu verringern.

Eine weitere Studie untersuchte die Wirkung der zusätzlichen Gabe von ALC und PLC zur Behandlung von erektiler Dysfunktion nach einer Prostata-Operation. Hier scheint es zu einer Verbesserung der Symptomatik durch die Wirkung der Carnitine zu kommen.
Auch die tumorbedingte Gewichtsabnahme kann, laut zweier Studien, durch Effekte des L-Carnitin verringert werden.

Sicherheit

L-Carnitin wurde in verschiedenen klinischen Studien untersucht und ist bei einer Anwendung entsprechend den Vorgaben (z.B. hinsichtlich Dosierung) als sicher und gut verträglich einzustufen.

Beobachtungen zeigen, dass Dosierungen von 250 mg bis 6 g pro Tag bis zu sechs Monate angewendet werden können. Dabei kann es in seltenen Fällen zu Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schlaflosigkeit, Erbrechen und Magen-Darm-Verstimmungen kommen.

Für Schwangere können auf Grundlage der zurzeit vorliegenden Daten keine Anwendungshinweise gegeben werden. Es ist bekannt, dass L-Carnitin in die Muttermilch übergeht, allerdings wird Stillen trotz zusätzlicher Einnahme von L-Carnitin als sicher angesehen.

Gegenanzeigen

Die Wirkung der Schilddrüsenhormone kann durch L-Carnitin beeinflusst werden. Patienten mit niedrigen Schilddrüsenwerten und solche, die Schilddrüsenmedikamente einnehmen, sollten daher von einer Nahrungsergänzung mit L-Carnitin absehen bzw. diese nur in Absprache mit ihrem behandelnden Arzt zu sich nehmen.

D-Carnitin (eine chemische Variante des L-Carnitins mit spiegelbildlichem Strukturaufbau) kann den Transport von L-Carnitin durch die Zellmembran stören. Daher sollten Nahrungsergänzungsmittel, die D-Carnitin oder sowohl D- als auch L-Carnitin enthalten, gemieden werden. Dadurch könnte ein Mangel an L-Carnitin entstehen.

Quellen

Grundlage für diesen Text ist das CAM Summary L-Carnitine (Version 9/2012) des CAM-Cancer-Projektes (Concerted Action for Complementary and Alternative Medicine Assessment in the Cancer Field) – fachlich geprüft durch das KOKON-Netzwerk.

Dieser Text wurde erstellt am 30. Juni 2015 und zuletzt überprüft am 26. Juli 2016.

 

 

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