Misteltherapie

Zusammenfassung

Die Mistel (Viscum album) ist eine parasitische Pflanze, die auf verschiedenen Bäumen wächst und sich teilweise von diesen ernährt. Extrakte aus der Mistelpflanze sind in der Krebstherapie vor allem im deutschsprachigen Raum sehr populär. Die Wirkstoffe werden meist subkutan injiziert, das heißt in das Gewebe unter der Haut gespritzt. Studien geben Hinweise darauf, dass Mistelextrakte das Immunsystem unterstützen und sich positiv auf die Lebensqualität während einer Chemotherapie auswirken können. Einige Studien zeigen auch Vorteile im Überleben auf.

Insgesamt weisen jedoch viele Studien Schwächen und methodische Mängel auf, so dass keine endgültigen Aussagen über die Wirksamkeit der Misteltherapie möglich sind. Mistelpräparate sind in der Regel sicher und gut verträglich.

Hintergrundinformation

Die Mistel ist eine Pflanzengattung mit vielen verschiedenen Arten und großem Verbreitungsgebiet. Die in der Krebstherapie eingesetzten Präparate werden aus der Weißbeerigen Mistel (Viscum album) gewonnen. Die Weißbeerige (oder Weiße) Mistel wächst in Mittel- und Südeuropa und in Südskandinavien. Die Pflanze ist immergrün und gedeiht als Halbschmarotzer auf Laub- und Nadelbäumen. Ein Keim setzt sich ins Astwerk des Wirtsbaums und entzieht diesem Wasser und Mineralsalze. Im Winter sind die kugeligen, bis zu einen Meter breiten Mistelbüsche gut im Astwerk von zum Beispiel Pappeln, Weiden, Apfelbäumen, Birken oder Linden zu erkennen.

Die Mistel ist eine Pflanze mit einer reichhaltigen Kulturgeschichte. In Frankreich, Großbritannien und im angloamerikanischen Raum ist es zum Beispiel bis heute Brauch, sich zum Jahreswechsel beziehungsweise zu Weihnachten unter einem Mistelzweig zu küssen. Woher diese Tradition stammt, ist nicht geklärt. Der Name Viscum album leitet sich aus dem Lateinischen ab, Viscum bedeutet so viel wie „Leim". Die Römer gewannen aus dem klebrigen Fruchtfleisch der Mistelbeeren Leim, den sie zum Vogelfang einsetzten. Auch in den germanischen Göttersagen und bei den Kelten spielt die Mistel eine wichtige Rolle. In den Asterix-Comics verwendet der Druide Miraculix unter anderem Misteln, um seinen berühmten Zaubertrank herzustellen. In der traditionellen Medizin wird die Mistel seit langer Zeit als Heilpflanze eingesetzt. Tees aus Pflanzenbestandteilen sollen den Blutdruck senken und Arteriosklerose vorbeugen.

Die Verwendung der Mistel in der Krebstherapie geht vorwiegend zurück auf Rudolf Steiner, den Begründer der anthroposophischen Lehre. Grundlage seiner Überlegungen waren die von ihm wahrgenommenen Ähnlichkeiten zwischen der Mistel als auf anderen Pflanzen gedeihendem Parasiten und dem Krebstumor, der unerwünscht im menschlichen Körper wuchert. Bei Krebserkrankungen wird Mistel besonders häufig in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingesetzt.

Anwendung

Mistelpräparate werden meist subkutan injiziert, das heißt in das Gewebe unter der Haut gespritzt. Daneben gibt es noch andere Anwendungsweisen außerhalb der Zulassung, bei denen der Wirkstoff intravenös in die Blutbahn, direkt in das Tumorgewebe oder in bestimmte Körperhöhlen (Rippenfellspalte, Herzbeutelspalte) injiziert wird. Die Anwendung sollte von einem erfahrenen Arzt durchgeführt werden. Die Dosierung kann je nach Wirkstoff und Anwendungsweise variieren. Subkutane Injektionen werden üblicherweise zwei bis drei Mal pro Woche verabreicht. Die Gesamtdauer einer Behandlung kann sehr unterschiedlich sein.

Wirkung

Die Weißbeerige Mistel bildet eine Vielzahl von Wirkstoffen aus. In der Krebstherapie sind hauptsächlich Lektine und Viscotoxine von Bedeutung. Die Wirkstoffe unterscheiden sich je nach verwendetem Pflanzenteil (Beeren oder Blätter), nach Wirtspflanze und Vegetationsperiode. Dementsprechend kann auch die Zusammensetzung von Mistelpräparaten sehr unterschiedlich sein.

Die Studienlage zur Wirksamkeit der Misteltherapie ist nicht eindeutig. Zwar gibt es zahlreiche Untersuchungen, die bereits ab den 1960er Jahren durchgeführt wurden. Die Studien weisen jedoch viele Schwächen und Mängel auf und unterscheiden sich erheblich in Methodik und Qualität. Sie müssen durch weitere Forschung widerlegt oder bestätigt werden, bevor eine abschließende Bewertung der Therapie möglich ist. In den vorliegenden Studien wurde unter anderem nachgewiesen, dass Wirkstoffe der Mistel im Reagenzglas eine zellabtötende Wirkung haben und Krebszellen vernichten. Ebenfalls nachgewiesen wurde, dass sie stimulierend auf das Immunsystem wirken. Das wurde sowohl im Reagenzglas als auch in Tierversuchen beobachtet. In klinischen Pilotstudien empfanden Krebspatientinnen und -patienten die Misteltherapie zudem als unterstützend bei der Bewältigung von Nebenwirkungen der Krebstherapie (z.B. Chemotherapie).

Sicherheit

Grundsätzlich ist die Misteltherapie gut verträglich. Wenn Nebenwirkungen auftreten, sind sie eher leicht und in der Regel nicht lebensbedrohlich. Nach einer Injektion können Brennen oder Schmerzen im Bereich der Einstichstelle auftreten. Innerhalb von 24 Stunden kann sich eine sog. Lokalreaktion an der Einstichstelle bilden mit Rötung, lokaler Überwärmung und leichter Druckschmerzhaftigkeit. Auch grippeähnliche Symptome wie Kopfschmerzen, Fieber oder Schüttelfrost sind möglich. Der Blutdruck kann sich verändern und Kreislaufprobleme oder leichte Probleme im Magen-Darm-Bereich können vorkommen. In einigen wenigen Fällen wurden allergische Reaktionen bis hin zu einem allergischen Schock beobachtet. Dieser kann lebensbedrohlich sein und bedarf sofortiger ärztlicher Behandlung.

Gegenanzeigen

Hersteller weisen darauf hin, dass Mistelpräparate nicht angewendet werden sollten, wenn die behandelte Person Fieber, Entzündungen oder Infektionen hat, eine unbehandelte Überfunktion der Schilddrüse, Autoimmunerkrankungen oder eine bekannte Überempfindlichkeit gegen einen der Inhaltsstoffe des Präparats vorliegt. Vorsicht ist geboten bei gleichzeitiger Therapie mit Medikamenten, die das Immunsystem beeinflussen wie zum Beispiel Interferonen oder Interleukinen.

Bei Krebserkrankungen des blutbildenden Systems wie Leukämien und Lymphomen wird eine Misteltherapie nicht empfohlen. Die Anregung des Immunsystems könnte hier theoretisch zu unerwünschten Effekten wie einem verstärkten Wachstum maligner Zellen führen. Auch bei Hirntumoren oder Metastasen im Hirn kann eine nicht adäquat eingestellte Misteltherapie durch Veränderungen des Hirndrucks zu Problemen führen. Daher sollte eine Misteltherapie bei diesen Erkrankungen nicht oder nur unter ärztlicher Kontrolle (z.B. im Rahmen von klinischen Studien) eingesetzt werden.

Quellen

Grundlage für diesen Text ist das CAM Summary Misteltoe (Viscum album) (Version 01/2015) des ehemaligen EU-Forschungsprojekts CAM-Cancer (Concerted Action for Complementary and Alternative Medicine Assessment in the Cancer Field) – Eine ins Deutsche übersetzte und durch KOKON geprüfte und überarbeitete Version davon findet sich auf Onkopedia, der Leitlinienseite der DGHO (Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie).

Dieser Text wurde erstellt am 30. Juni 2015 und zuletzt überprüft am 26. Juli 2016.

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