Progressive Muskelrelaxation

Zusammenfassung

Die Progressive Muskelrelaxation (PMR) ist eine Entspannungstechnik, die Anspannungen verringern und damit Stress reduzieren soll. Dabei werden die Hauptmuskeln nacheinander an- und wieder entspannt, was einen regulierenden Einfluss auf das vegetative (also das nicht willentlich beeinflussbare) und auf das zentrale Nervensystem haben soll.

Erfahrungsberichte von krebserkrankten Patienten deuten darauf hin, dass Progressive Muskelrelaxation dazu beiträgt, Schmerzen zu verringern und die Lebensqualität zu verbessern. Auch positive Effekte der PMR bezüglich Angst, Depression, Schlafstörungen oder Übelkeit als Nebenwirkung der Chemotherapie werden diskutiert. Wissenschaftlich können diese Erkenntnisse allerdings nur unter Vorbehalt bestätigt werden, da derzeit noch zu wenige gut durchgeführte Studien hierzu vorliegen.

Die Forschungslage legt aber nahe, dass die Progressive Muskelrelaxation, abgesehen von einigen Einschränkungen bei Fällen von psychiatrischen Erkrankungen, eine sichere Technik ist.

Hintergrundinformation

Die Progressive Muskelrelaxation, auch oft „Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson" genannt, geht auf den amerikanischen Arzt Edmund Jacobson zurück. In seinem 1938 veröffentlichten Buch „Progressive Relaxation" beschrieb er erstmalig die von ihm entwickelte Methode zur Stressreduktion.

Ausgehend von seinem Verständnis, dass unser Körper (speziell die Muskulatur) und unser Geist als Einheit zusammenarbeiten, entwickelte er die Theorie, dass nur ein entspannter Geist es erlaubt, auch die Anspannungen in der Muskulatur abzubauen. Die Progressive Muskelrelaxation macht sich die Umkehrung dieser Annahme zunutze: Wenn ein Körper sich entspannt, soll dies auch dazu führen, dass sich die mentale Anspannung verringert.

Anwendung

Die Progressive Muskelrelaxation ist ein Entspannungsverfahren und lässt sich über verschiedene Wege erlernen. Dafür steht eine Vielzahl von Büchern, CDs oder auch kostenlosen Downloadangeboten zur Verfügung (siehe weiterführende Informationen).
Es ist allerdings zu empfehlen, dass Einsteiger einen Kurs bei einem geschulten Anleiter belegen.

Diese Anleiter sind in der Regel medizinische oder sportwissenschaftliche Fachkräfte, welche im Zuge einer Fortbildung (mit mindestens 32 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten) die Qualifikation zur Anleitung der Progressiven Muskelrelaxation erhalten haben.

Die Fortbildungseinrichtungen stellen ihren Teilnehmern Zertifikate zur Anleitung von Kursen in  Progressiver Muskelrelaxation aus. Einige dieser Zertifikate werden von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt. Diese Kurse können dann bezuschusst werden.

Das Training der Progressiven Muskelrelaxation kann vor, während oder nach einer onkologischen Therapie durchgeführt werden. Meist wird in Kleingruppen, selten auch in Einzelkursen trainiert. Eine Sitzung dauert etwa 30 bis 60 Minuten. Entsprechend des Sitzungsthemas wird dabei eine (oder mehrere) Muskelgruppe(n) an- und wieder entspannt. Dabei geht man schrittweise vor. Soll beispielsweise die Armmuskulatur im Fokus stehen, kann man mit der Muskulatur der Hand beginnen und sich über den Unterarm bis zur Muskulatur um das Schultergelenk herum vorarbeiten.

Weil die Anbieter allerdings sehr vielfältig sind, kann es in der Ausführung der Therapieangebote zu großen Unterschieden kommen. Abgesehen davon, dass die Muskelgruppen immer in einer bestimmten Reihenfolge angespannt und entspannt werden, ist das Verfahren der Progressiven Muskelrelaxation nicht besonders standardisiert, was den Kursleitern einen größeren Spielraum bei der Ausgestaltung von einzelnen Sitzungen ermöglicht.

Wirkung

Wie die Progressive Muskelrelaxation genau wirkt, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Es wird angenommen, dass es durch die wechselnde An- und Entspannung der Muskulatur zu einer „Entspannungsreaktion" und somit zu einer Erholung des gesamten Körpers und der Psyche kommt.

Typische Anzeichen von Stress, wie eine erhöhte Herzfrequenz, können sich durch Progressive Muskelrelaxation verringern, was zu einem gesteigerten Wohlbefinden führt. Die Progressive Muskelrelaxation trägt auch dazu bei, ein Gefühl der Kontrolle zurückzuerlangen, das angesichts eines oft erlebten Kontrollverlusts durch die Krebserkrankung für Betroffene sehr hilfreich sein kann. Zudem wird eine positiv veränderte Selbst- und Körperwahrnehmung als Effekt der Progressiven Muskelrelaxation diskutiert. Wenn Körper und Geist in stressigen Situationen besser entspannt werden können, sind viele belastende Situationen einfacher zu meistern und erscheinen nicht mehr so anstrengend.

Die wissenschaftliche Datenlage zur Progressiven Muskelrelaxation erlaubt keine konkreten Aussagen zur Wirkweise und zu den Effekten bei Krebspatientinnen und -patienten.

Die vorhandene Literatur weist darauf hin, dass die Progressive Muskelrelaxation gegen Angst, Depressivität und Schmerzen bei Krebserkrankungen wirksam sein könnte. Auch wurden in Studien durch die Anwendung von Progressiver Muskelrelaxation Verbesserungen in der Schlafqualität und bessere Kontrolle von Übelkeit als Nebenwirkung der Chemotherapie beobachtet. Diese Ergebnisse beruhen allerdings auf relativ kleinen bzw. methodisch nicht einwandfreien Untersuchungen.

Sicherheit

Insgesamt ist die Progressive Muskelrelaxation als sicheres Verfahren einzustufen. Neben- sowie Wechselwirkungen sind kaum bekannt oder dokumentiert.

Gegenanzeigen

Bei der Anwendung von Progressiver Muskelrelaxation bei Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen traten unerwünschte Nebenwirkungen auf. Diese werden in der Literatur aber nicht näher beschrieben.

Quellen

Grundlage für diesen Text ist das CAM Summary Progressive Muscle Relaxation (Version 12/2013) und die zugehörige tabellarische Zusammenfassung vorliegender Studien des CAM-Cancer-Projektes (Concerted Action for Complementary and Alternative Medicine Assessment in the Cancer Field) – fachlich geprüft durch das KOKON-Netzwerk.

Darüber hinaus wurden folgende Quellen herangezogen:

  • GKV Spitzenverband (2010) (Hrsg.). Leitfaden Prävention (S. 55). Berlin: GKV.
  • Jacobson, E. (1938). Progressive Relaxation. Chicago: University of Chicago Press.
  • Payne, R., & Donaghy, M. (2010). Payne‘s Handbook of Relaxation Techniques: A Practical Guide for the Health Care Professional (4th edition). London: Churchill Livingstone/Elsevier.

Dieser Text wurde erstellt am 30. Juni 2015 und zuletzt überprüft am 26. Juli 2016.

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